Festrede

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Meine politische Anschauung trifft recht gut eine viel beachtete Festrede des berühmten Philosophen und Literaten Pavel Kohout, die dieser anlässlich der Verleihung der Kulturpreise in Niederösterreich 2003 gehalten hat, zu Temelin, zu den Beneš-Dekreten, zum Thema "Kompromiss" und vor allem zum Umgang mit dem politischen Gegner.

"Die Kraft aller Kräfte"

Pavel Kohout

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, liebe Freunde, die Einladung zu diesem Abend gibt mir die Möglichkeit, einige Gedanken auszusprechen, die gerade in Niederösterreich aktuell klingen könnten.

Was immer auch Menschen im Leben erzielen wollen, zu allem brauchen sie Kraft. Ein kraftloser Mensch ist im Voraus dazu verurteilt, sein Ziel nur durch Zufall oder besonderes Glück erreichen zu können. Daraus müsste man schließen, dass Erfolg nur Kraftvollen beschieden wird.

Nur - das Problem, man könnte sogar sagen - das Problem aller Probleme beginnt im Augenblick, wo zwei kraftvolle Menschen, oder zwei Gruppen, oder gar zwei Gesellschaften gegensätzliche Ziele anpeilen und sich plötzlich in der misslichen Lage befinden, dass ihre Kräfte mächtig entgegenwirken.

Eine klassische Situation, aus der Konflikte entstehen, von ganz banalen bis zu verheerenden. So beginnen nicht nur Ehescheidungen, sondern auch Weltkriege. Es ist lebenswichtig zu wissen, dass die Menschheit gerade dank ihrer blutigen Geschichte eine Sicherung erfunden hat, die - rechtzeitig eingesetzt - als Kraft aller Kräfte funktioniert, welche auch die grössten Spannungen zwar nicht beseitigt, aber zumindest insoweit bannt, dass man mit ihnen leben kann, in der Hoffnung - kommt Zeit, kommt Rat, kommt Lösung.

Mein Leben hat mir drei Gewissheiten beschert.

Die erste: Persönliche Erfahrung ist nicht übertragbar - das gilt leider auch für diesen meinen Auftritt, was eher pessimistisch einstimmt.

Die zweite klingt optimistischer: Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo - der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft sondern durchs stete Fallen;

damit entsteht die Chance, dass sich hier doch noch jemand meine dritte Gewissheit zu eigen macht: Die Kraft aller Kräfte, mit der man zwar nicht alles, aber das meist mögliche gewaltlos erzielen kann, heißt - der Kompromiss.

Hier muss ich gestehen, dass mir, infolge meiner damaligen Erfahrung eines gläubigen blutjungen Kommunisten, einst gerade dieses Wort nach Schwäche, nach Defaitismus, nach Verrat all meiner Ideale roch.

Ich brauchte eine ziemlich harte Schule, die in Verhaftungen und im Zwangsexil mündete, um zu begreifen, dass meinesgleichen, wenn auch in bester Absicht, nach dem Zweiten Weltkrieg trotz Warnungen der Erfahrenen ihr Land Tschechoslowakei vom Teufel Hitler zum Belzebub Stalin verschleppten und diesen Irrtum dann fast lebenslang wiedergutmachen mussten.

Wie könnte ich also jene jungen Österreicher nicht als seelisch verwandt erkennen, die vor zwei Jahren bei dem Temelin-Hearing in der Wiener Hofburg mich als vermeintlichen Pro-Atom-Lobbyisten an jeder Wortmeldung durch unaufhörlichen Lärm hinderten. Seelisch verwandt, weil ähnlich verblendet, wenn nicht gar von der - auch nicht uneigennützigen - Anti-Atom-Lobby in die Irre geführt.

Wenn das Leben einem wie mir zwei Staatsbürgerschaften beschert und derjenige beide gewissenhaft zu praktizieren sucht, verspürt er die entgegenwirkenden Kräfte unvermittelt. Gerade der Fall Temelin kann als Paradebeispiel dienen, wie ungezügelte Emotionen fanatischer Wahrheitsträger auf beiden Seiten das verheißungsvolle Klima des sich vereinigenden Europa in kurzer Zeit vergiften können.

Als Österreicher weiß ich, dass der besiegte Zwentendorf-Meiler zum Symbol für die meisten Landsleute wurde, die ein jedes AKW mit Tschernobyl identifizieren und sich als Vorreiter des atomfreien Kontinents wähnen.

Als Tscheche weiß ich, dass der Temelin-Meiler für die meisten Landsleute zum Symbol wurde, für die Unabhängigkeit vom russischen Öl, für das eigene technische Können und für das Ende des schrecklichen Waldsterbens, durch Kohle verursacht, im Lande zahmer Flüsse.

Als Österreicher konnte ich es nicht fassen, dass tschechische Behörden Informationen über den technischen Stand von Temelin verweigerten und tschechische Politiker bei seiner Inbetriebnahme vor laufenden Kameras ihre Nachbarn mit Hohn provozierten.

Als Tschechen sträubten sich mir die Haare, als unter der Patronanz österreichischer Politiker zum Protest die Grenzübergänge wie in Zeiten des Eisernen Vorhangs gesperrt wurden und österreichische Schulen die der Nachbarn ausluden, womit Kinder für ihre Eltern bestraft sein sollten.

Als dann noch österreichische Zeitungen Horrormeldungen über den "Schrottreaktor" erfanden und Gegenberichte eigener Fachleute so gut wie unterdrückten, und als tschechische Zeitungen tief in die Kiste historischer Ressentiments griffen, schienen die entgegenwirkenden Kräfte statt des nicht stattgefundenen atomaren einen echten politischen GAU in Gang zu setzen.

Zum Glück fanden sich gerade in diesem kritischen Moment sowohl in Tschechien als auch in Österreich einige wichtige Politiker, welche die erwähnte Kraft alle Kräfte einsetzten. Und weil sie einen Konsensus wirklich anstrebten, haben sie ihn auch gefunden: Die absolute Transparenz aller Vorgänge in Temelin nahm der Mehrheit der Österreicher die Angst, und den verantwortlichen Tschechen gab sie ein früher unbekanntes Gefühl der grenzüberschreitenden Verantwortung.

Ganz ähnlich beginnt sich der zweite gordische Knoten auch ohne Schwert zu lockern - die Beneš-Dekrete genannt. Vor allem den tschechischen Historikern und jungen Journalisten ist es zu verdanken, dass sie der ganzen Gesellschaft das ungeschminkte Bild der Nachkriegszeit anbieten, von den Kommunisten fast ein halbes Jahrhundert im orwellschen Gedächtnisloch versteckt - das Bild ihrer moralischen Mitschuld an verwerflichen Verbrechen, welche die Vertreibung - auf tschechisch Abschub - begleiteten.

Wenn sich jetzt auch die Führungsriege der Sudetendeutschen in ihrer Presse zu der Erkenntnis durchringt, dass man die Vertreibung durch die Zerschlagung eines demokratischen Landes und Teilnahme am Völkermord selbst in Gang setzte, fällt ein weiterer Grenzzaun in den Köpfen.

Wer Europas Einigung dadurch gefährden will, dass er den Aufklärungsprozess der anderen durch Erpressung torpediert und die Zukunft in Geiselhaft der Vergangenheit absterben lässt, soll jenseits der Grenze als Berufspatriot und diesseits als Berufsvertriebener abgestempelt und weiter nicht beachtet werden!

In diesem Fall sollte der Konsensus aussehen, wie folgt: Jede Seite verpflichtet sich, ihre Geschichtshygiene zwar gründlich, aber nach eigenen Maßstäben durchzuführen, so wie sich die meisten Menschen lieber allein sauber machen, als dass sie sich von Fremden grob waschen lassen.

Die Kraft aller Kräfte hat eine unversiegbare Quelle: den Zweifel.

Denn die Gefahr aller Gefahren - vor allem das hat mir mein Leben besonders deutlich vorgeführt! - birgt in sich jede heilige Überzeugung, Wahrheit zu besitzen, die wahre natürlich, und somit auch das Recht, sie mit allen Mitteln durchzusetzen, sogar mit Lüge! Die gefährlichsten Leute, die mir je, und vor allem die mir immer wieder begegnet sind, waren die Wahrheitsfanatiker, wobei manche von ihnen nur einige Jahre später mit gleichem Einsatz und allen Mitteln für eine ganz gegensätzliche Wahrheit zu kämpfen wussten.

Wenn ich mir meinen eigenen Werdegang abrufe, so muss ich feststellen, dass ich als Schriftsteller, als Bürger aber auch als Mensch erst dort richtig beginne, wo mich die ersten Zweifel überfielen. Und siehe da, sie haben mich damals keineswegs lahmgelegt, sondern im Gegenteil so aufgeschreckt, dass ich es schaffte, meinen politischen Irrtum aus der Nachkriegszeit zu begreifen, zu benennen und zu bekämpfen.

Wobei mein "Kämpfen" seit jener Zeit von immer neuen Zweifeln kontrolliert wird, damit ich im Bedarfsfalle imstande bin, die Kraft aller Kräfte einzusetzen, mit der ich zwar nicht alles, aber das meist Mögliche gewaltlos erzielen kann, den Kompromiss.

Denn: die Eiferer haben in der Geschichte unvergleichbar mehr Schäden angerichtet, als die Zweifler...

Pavel Kohout

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